CHRISTINE & IRENE HOHENBÜCHLER

CHRISTINE & IRENE HOHENBÜCHLER

Christine & Irene Hohenbüchler

Personale

Virtuelle Vernissage: Samstag, 17. Juli 2021

Theoretische Begleitung: Sabine Kienzer

Christine und Irene Hohenbüchler,
u.a. Teilnehmerinnen an der documenta und der Biennale von Venedig, erarbeiten seit 1990 gemeinsam Rauminstallationen, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Möbelobjekte, textile Elemente und Projekte im öffentlichen Raum. Neben ihrem persönlichen künstlerischen Ausdruck, der im historisch-gesellschaftspolitischen Kontext verankert ist, spielt der Gedanke der „multiplen Autorenschaft“ eine zentrale Rolle. So entstanden gemeinsame Arbeiten mit diversen Gruppen, meist Menschen, die in unserer Gesellschaft Unterstützung brauchen.
In Kooperation mit den Jugendlichen des Ateliers dell’Errore BIG aus Reggio Emilia entstand eine große Zeichnung, die wir neben anderen Objekten in ihrer Ausstellung im TANK zeigen.

Die Ausstellung ist von 17. Juli bis 1. August unter den geltenden Covid-19-Bestimmungen jeweils Samstag und Sonntag von 17:30 bis 19:30 öffentlich zugänglich.

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come outside
Sabine Kienzer

Mit Outsider-Art werden außerhalb des etablierten Kunstbetriebs entstandene Werke bezeichnet: Außenseiterkunst also. Mit AußenseiterInnen sind Menschen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung gemeint. „Siegerkünstler“ nennt der deutsche Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich AutorInnen von Kunstwerken, die mit hohen und höchsten Preisen auf dem Kunstmarkt reüssieren. Deren SammlerInnen wollen sich dementsprechend als InsiderInnen etablieren. Auch wenn die UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf Inklusion als Menschenrecht festgeschrieben hat und der Vertrag von vielen Länder unterschrieben wurde: Für seine Einhaltung muss noch viel getan werden. Für die Kunst bedeutet das: Für die VerliererkünstlerInnen muss noch viel getan werden.

Der italienische Künstler Luca Santiago Mora und seine Frau Simonetta Rinaldi gründeten und leiten gemeinsam das Atelier dell’Errore, ein Werkstätte der Bildenden Künste innerhalb der Kinderneuropsychiatrie im italienischen Emilia Reggio. Den dort betreuten Jugendlichen wurde Autismus attestiert. Das ist, laut Lexikon, eine Autismus-Spektrum-Störung auch Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirkt.

Luca Santiago Mora begreift die den herkömmlichen Vorstellungen widersprechenden Lebensweisen und Verhalten seiner acht- bis 16-jährigen StudentInnen und jungen Erwachsenen, wie er sie nennt, jedoch als Methode zur Erschließung anderer Welten und neuer Möglichkeiten.

Dazu und dafür wird gezeichnet, wobei sich die Darstellungen im Wesentlichen auf urgestaltliche Tiere konzentrieren, die sich nicht in traditionelle Kategorien einordnen lassen. Die Tierfiguren verkörpern die Ängste vor Misserfolgen und dem Scheitern der sie Zeichnenden, und sie drücken deren Schutzbedürfnis gepaart mit dem Wunsch nach Resilienz und Widerstand aus.

2018 waren Christine und Irene Hohenbüchler zur Teilnahme an der Ausstellung Gewächse der Seele mit Stationen in Heidelberg, Mannheim und Bad Dürkheim eingeladen. Die Ausstellung widmete sich den Analogien zwischen Werken des Symbolismus, des Surrealismus und der Outsider Art.

Ihrer künstlerischen Praxis entsprechend fragten sie das Atelier dell’Errore zur gemeinsamen Zusammenarbeit an, wo daraufhin in einer Workshop-ähnlichen Situation die vielschichtige Komposition zooplantology entstand. Gemeinsam wurde während eines halben Jahres die neun Meter lange Zeichnung auf Papier entwickelt. Sie zeigt Darstellungen von hybriden Lebewesen mit tierischen und pflanzlichen Anteilen auf mit Ölkreide  gefärbtem Hintergrund.

zooplantology gibt Einblick in die Biografien gesellschaftlich Unangepasster. Diese versuchen nicht, Geschichten über die eigene, hochkomplizierte Welt zu erzählen. Sie tun es. Und zwar, indem sie diese unmittelbar über Zeichnungen pittoresker Wesen, die weder Pflanze noch Tier sind, kommunizieren.

Patricia Josefine Marchart, Filmemacherin und Schriftstellerin, erkennt in jeder Zeichnung ihre eigene Kraft, die ihren BetrachterInnen „von sich aus“ erzählt. Marchart dissertierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien über “Autistische Welten” und weiß: „Beim Zeichnen legt sich das Ich fest, es hinterlässt Spuren, konkretisiert und manifestiert Zustände und Ereignisse“. Und sind es denn nicht mitunter auch die eigenen Ängste, Zweifel, Fragen, die einen zur Kunst bringen?

Die künstlerische Praxis von Christine und Irene Hohenbüchler findet zumeist an unkonventionellen Orten mit Menschen mit vermehrten Bedürfnissen – wie die beiden so genannte Randgruppen bezeichnen – statt. Sie erstreckt sich über unterschiedliche soziale, generationenübergreifende und transdisziplinäre Kontexte bis hin zu Kollaborationen mit Kollegen und Kolleginnen aus der Kunst. Ihre Arbeitsmethode, nämlich die der multiplen Autorenschaft, basiert auf Zusammenarbeit unter höchstmöglicher Hierarchiefreiheit. Die entstandene Spannung, die Autonomie und die Wechselbeziehung verbinden die Partizipierenden. Der Prozess der gemeinschaftlichen Produktion spiegelt sich im Kunstwerk wider.

Im TANK bei Graf+Zyx zeigen die Hohenbüchlers nun ebendiese 2019 entstandene großformatige Arbeit auf Leinwand sowie Skulpturen aus dem Jahr 2008. Zusammen mit einer Videoarbeit aus dem Jahr 2001 verdichten Christine und Irene Hohenbüchler das Grundthema zu einer geschlossenen Rauminstallation: Die Narrative der Zeichnung führen einen allegorischen Dialog mit den Skulpturen und visualisieren den gemeinsamen Arbeitsprozess mit den jungen Künstlern und Künstlerinnen des Atelier dell’Errore.

Die Hohenbüchlerschen Kunstwerke erzeugen ein dynamisches Spiel aus Empfindsamkeit und Kraft, Standfestigkeit und Durchlässigkeit. Ihre silhouettenhaften Plastiken balancieren zwischen Leichtigkeit und Schwere und sind zu dreidimensionaler Form gebrachte Skulpturen aus Zeichnung, Sprache, Poesie und Bildhauerei. Dabei führen scheinbar widersprüchliche Aspekte zu produktiver Reibung und erörtern Stabilität und Fragilität als weiteren Gegenpol. Ihre Kombination von Material und Transparenz simuliert Körperlichkeit. Aktives und Passives vermitteln den Eindruck, als könnten sich die Skulpturen jeden Augenblick bewegen und lassen sie einen gleichsam wesenhaften Charakter annehmen. Es sind archaische Gebilde, die aufgrund ihres Wiederkennungspotenzials vielfältige Assoziationen auslösen können. Sie finden sich in der rätselhaft anmutenden Formenwelt der großen Gemeinschaftszeichnung zooplantology wieder: Es zeigen sich das spezifisch Eigene und das unvermeidlich Gemeinsame als Ergebnis multipler Autorenschaft, künstlerischer Praxis und Strategie in der Arbeit mit Kunst und Gesellschaft. Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid erklärt: „Wir sind ‚multiple’ Subjekte, die das Andersdenken und Andersleben bereits verinnerlicht haben, so dass wir nicht Subjekte der Identität, sondern der Alterität, des Andersseins, sind, also den Anderen, ohne mit ihm eins zu sein, in uns verkörpern.“

„Zeichnung übersetzt Gedankengänge“, sagt der US-amerikanische Künstler Matt Mullican. Er hat eine eigene Sprache, eine Kosmologie erfunden und eine Aufstellung der Künste entwickelt.

Sprache wird bei aller Ambivalenz im Hohenbüchlerschen Gebrauch zur Dekoration im besten Sinn, zum lesbaren Ornament einem fragilen Geflecht gleich, wo Worte zu Gedankenspielen anregen, und last not least zum emotionalen empathischen Gedicht in einem Wort(-Fragment).

Man möchte annehmen, dass die Skulpturen mit Titeln wie … inbetween …, Ab(bruch), …what is real … mit den Wesen des Atelier dell’Errore – nämlich denen der Zeichnung und dem Wesen der Zeichnenden – verwandt sind. Beide, Skulptur und Zeichnung, senden in Form und Struktur Signale aus, die fragil und angegriffen wirken zum einen, angriffig und wehrhaft zum anderen. Und beide sind sie künstlerischer Ausdruck seelischer Verfasstheit.

Der Kunsthistoriker Daniel Baumann ist Leiter der Adolf-Wölfli-Stiftung im Kunstmuseum Bern und stellt durchaus kritisch die Frage nach der Rolle des Begriffs Outsider-Art und der ihm verwandten Bezeichnungen wie Art Brut, Raw Vision, zustandsgebundene Kunst oder Kunst der Geisteskranken: Stellen sie die Kunstwerke in ein angemessenes Licht? Erweitern sie unseren Blick und bieten uns neue Einsichten? Verhelfen sie den Urhebern zu neuer Würde?

Angesichts der Arbeit(en) von Christine und Irene Hohenbüchler, den KünstlerInnen des Atelier dell’Errore und Luca Santiago Mora lassen sich alle Fragen mit Ja! beantworten.

Sabine Kienzer
ist Kuratorin, Kulturjournalistin und -managerin.