Nora Bachel | Christine Schörkhuber xx

Nora Bachel | Christine Schörkhuber xx

Nora Bachel
Christine Schörkhuber

Strategische Komplemente XI

Vernissage: Samstag, 1. Oktober 2022, 17:30

Theoretische Begleitung: Maria Christine Holter

Muss Kunst

mehr sein als zum Beispiel die Manifestation ästhetischer Positionen?
Im Sinn der unverhandelbaren Freiheit der Kunst: Nein. Kunst muss gar nichts.
Erlaubt und denkbar ist in der Kunst und ihrer Interpretation aber fast alles.

Finden Sie also Gemeinsamkeiten in den Arbeiten von Christa Biedermann und Kirsten Borchert, oder lassen Sie, falls das gar nicht gelingen will, gerade durch die Unvereinbarkeit der Positionen Ihren Kunsthorizont erweitern, verfeinern und emanzipieren.

Denn oft ist ja gerade das, was gemeinhin für Kunst gehalten wird, gar keine und ganz anderes sehr wohl.

Ausstellung von 2. bis 16. Oktober

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Position + Gegenposition =
Leben – Stagnation.

Oder: Mehrsprachige Rätselfragen
von und mit Kirsten Borchert
und
Christa Biedermann im TANK.

Lucas Gehrmann

A   A   A + bbb oder d1d1d1 …? Oder einfach eine Begegnung zweier jeweils formal verwandter Figurationen, deren Sub-Elemente zufällig Assoziationen zu Schriftzeichen erwecken?

 

Die beiden im TANK.3040.AT – einem multimedial bespielbaren und unbedingt auch realen Kunstraum – installierten Skulpturengruppen von Kirsten Borchert animieren zumindest dazu, ihre zeichenartige Formensprache zu dechiffrieren, und zwar umso mehr, je mehr wir uns im Raum um sie herumbewegen und von jedem Punkt dieser Bewegung aus stets neue Eventualitäten zur Lösung dieses uns selbst gestellten Rätsels entdecken. Beim umschreitenden Betrachten der beiden großformatigen, in ihrer jeweiligen Konstruktion zugleich auch fragil wirkenden Zeichensätze fällt uns vielleicht keine Lösung ein, aber dafür etwas anderes auf – dass nämlich die beiden Figurationen sich trotz materieller und „kryptografischer“ Verwandtschaft formal recht unterschiedlicher Sprachen bedienen: die Dreiergruppe der „A“-Formationen steht breitbeinig und stramm mit gleichen Abständen hintereinander in einer Reihe, uniform sozusagen, wobei jedes der drei Elemente einen kleineren Teil von sich selbst aus seinem eigenen Umriss hinausversetzt hat. Die Elemente der anderen Gruppe sind hingegen miteinander verbunden wie in einem dreidimensionalen Liniendiagramm zu einem gleichsam zusammenhängenden „Wort“ – jedes der drei Teile sehr ähnlich zwar dem anderen, doch different am Anfang und am Ende ihrer gemeinsamen Setzung und in Summe den Raum in mehrere Richtungen auslotend.

 

Zwei unterschiedliche Wesenszüge also begegnen sich auf diesem Bühnensegment: eine stakkatoartig sich selbst reproduzierende Formation hier und eine zum Legato, einem also eher fließenden In- oder Miteinander tendierende da. Das Moment der Wiederholung ist beiden ebenso zu eigen, wie ihre Konstruktionsprinzipien einer jeweils konsequenten Ordnungsstruktur folgen – als gegensätzlich aber lassen sich ihre „Aussagen“ lesen, wenn wir der Form mehr Augenmerk schenken wollen als dem jeweiligen (skripturalen) „Zeichen, das eine Erkenntnis hervorbringen will“ (Roland Barthes). Oder sollten wir nach der gerade vorgenommenen Art der Differenzierung neue Interpretationsversuche dieser Zeichen starten und etwa dem (statischen) „A“ das apollinische und dem (sich drehenden) „d“ das dionysische Prinzip (Friedrich Nietzsche) zuordnen? Ein Rätsel ohne Ende, aber:

 

„Ohne ureigene Position, die für sich besteht, gibt es keinen Dialog, keinen Fortschritt und auch keine Gegenwart. Wir brauchen Position und Gegenposition, sonst bleibt die Synthese aus und nichts ist mehr! Allein die reaktionäre Stagnation bleibt, die sogar den Status Quo einschläfern wird“, schrieb Kirsten Borchert in ihrem Propstaat-Manifest von 2013.1 Haben wir es hier, bei ihrer acht Jahre später geschaffenen Installation, mit einer Um- und Übersetzung dieser Aussage in eine bildnerisch-skulpturale Formulierung zu tun? Als eine in den realen Raum gestellte Manifestation der Unabdingbarkeit von Dialektik und Diskurs? Dieser Gedanke – so wie schon das bisher hier Gedachte rein spekulativer Natur – gefällt mir angesichts seiner Aktualität im Jahr 2021: da scheint es nurmehr eine Position zu geben, die uns „von oben“ – und gleich auch noch global – als die einzige Wahrheit einsuggeriert wird, während aufkommende Gegenpositionen pauschal von der Bildfläche gefegt werden. Die Dialektik bleibt aus und somit auch die Chance auf Synthese.

 

In hide – so nämlich lautet der seinerseits zur Dechiffrierung animierende Titel von Kirsten Borcherts Installation – findet Dialektik hingegen auf mehreren Ebenen statt. Nicht allein über die hier schon beschriebenen unterschiedlichen Wesenszüge ihrer beiden Protagonisten, sondern auch durch deren Korrespondenz im und über den Raum, die „Bühne“. Und vor allem beziehungsweise unbedingt über und durch uns BetrachterInnen oder richtiger wohl: Interakteure. Als solche vermögen wir hier auch jene „experimentelle Kopfgymnastik“ zu betreiben, die, wie Bernhard B. zur Rezeption von Kirsten Borcharts Kunst schreibt, „unsere herkömmlichen Regeln aushebelt um uns vor Augen zu führen, dass wir eine Möglichkeit von vielen leben.“²

 

„Der Ausdrucksapparat des Menschen ist vielseitig. Eines seiner ursprünglichsten Artikulationsmittel – der Körper – wurde stetig durch immer abstrakter werdende Zeichensysteme ergänzt und in manchen Bereichen sogar durch diese ersetzt. Neben Bildern war und ist die Sprache, verbunden mit ihrer grafischen Form, eine der Hauptstrukturen der Kommunikation, Vermittlung und Darstellung“, schrieb Annika Lorenz zur Ausstellung Text:Bild / Bild:Text in der Fotogalerie Wien im Jahr 2015.3 Auch diese Sätze lassen sich mit aktuellen Situationen verlinken – mit der zunehmenden Entkörperlichung unserer Lebens- und Kommunikationsformen zugunsten abstrakter, d.h. auch digitaler Zeichensysteme (jetzt gleich mit diffusem Fernblick Richtung „Transhumanismus“ …) ebenso wie mit dem hier, in der Doppelschau Strategische Komplemente IX stattfindenden Zusammenspiel dieser beiden basiskulturellen Artikulationsmittel. Mit Christa Biedermann nämlich tritt das erstgenannte, der „Körper“, in gleich zweifacher Gestalt in Korrespondenz mit Kirsten Borcherts skulpturalen Zeichen-Sätzen – einmal über virtuell-bewegte Kulissenbilder, die als großflächige Videoprojektionen über drei Wände des Ausstellungsraums laufen, ein andermal beziehungsweise simultan dazu als temporäre Live-Aktion. Hier wie dort performt Christa Biedermann – meist solistisch – körpersprachlich. Und differenziert dabei nicht allein die medialen Unterschiede beider „Gattungen“, sondern auch innerhalb derselben, wenn sie etwa sagt: „Performance ist nicht gleich Schauspiel oder Film“, denn im realen Raum läuft alles in Echtzeit, ohne vorgefertigtes Skript, als echte Aktion – nicht zuletzt auch in Interaktion mit dem Publikum, das auf derselben Ebene, den selben „Brettern“ steht, über die sich die Künstlerin bewegt. Diese schlüpft dabei gern in die Rolle jeweils verschiedener, selbst entwickelter Figuren, vom „blauen Engel“ bis zur Clownin. „Die Figur der Clownin setzte ich ja schon vorher immer wieder ein, nun macht sie minimalistische Musik mit den Steppschuhen und singt – trivial, nostalgisch, banal, rockig – quer durch die letzten 100 Jahre.“

 

Ob real live oder im stets in Eigenproduktion gefertigten Video ist Christa Biedermann immer in Bewegung, mal tänzelnd, mal schwebend, mal steppend, und selbst wenn sie kurz innehält, zieht hinter ihr eine Stadtlandschaft, ein Flugzeugflügel oder der Horizontstreifen des Meeres vorüber. Wie Nina Schedlmayer einmal schrieb, filmt sich die Akteurin manchmal dabei selbst mit der Kamera und dreht sich zugleich um die eigene Achse. „Die Drehung“, sagt Christa Biedermann dazu, „ist eine sehr simple Methode. Es ist mir wichtig damit zu zeigen, dass ich tatsächlich in Berlin, Barcelona […] oder wo auch immer bin. Heute kann mit der Technik ja alles simuliert werden, gefälscht, wenn Sie so wollen. Mit der Drehung zeige ich eine bestimmte Figur an einem bestimmten Ort.“4. Auch wenn sie allzu viel Bodenhaftung tunlichst vermeidet, legt sie als Filmer- und Performerin großen Wert auf ihre Positionierbarkeit an einem realen Ort oder Raum. Zugleich bezieht sie in ihren „Liveaktionen“ immer auch Position zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und Missständen. „Für die Freiheit der Kunst“, „Macht & Sexualität“, „Der Finanzspekulant“, „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“, „Gay not Grey“, „Big Sister is watching you“ oder „Annie get your Gun!“ sind nur einige diesbezüglich klar sprechende Titel ihrer performativen (Film-)Aktionen und Ausstellungen.

 

Auch in Christa Biedermanns Ausstellungspart finden sich somit Appelle zur Aufstellung „ureigener Positionen“ als Gegenmittel jedweder reaktionärer Stagnation. Ganz nach ihrem Motto:

 

ICH bin NICHT Hollywood. / ICH bin NICHT TV.
ICH bin die CHRISTA BIEDERMANN. / UND mache MEIN PROGRAMM!

1 Kirsten Borchert, „Propstaat-Manifest“, in: Kirsten Borchert, Power Station, Diplomarbeit an der Universität für angewandte Kunst Wien, SS 2013, S. 4. http://kirstenborchert.com/wp-content/uploads/POWER-STATION.pdf.

2 Bernhard B., „Power Station – der analoge Weg zur Diktatorin“, in: Kirsten Borchert, op. cit. Am. 1, S. 8f. http://kirstenborchert.com/wp-content/uploads/POWER-STATION.pdf.
3 Annika Lorenz, Text:Bild / Bild:Text I, Transformation, Fotogalerie Wien, 2015, www.fotogaleriewien.at/ausstellung/textbild-bildtext-i/

4 Interview Nina Schedlmayer / Christa Biedermann, 2007, in: Peter Bogner, Künstlerhaus Wien (Hg.), Christa Biedermann: Für die Freiheit der Kunst. Bildwände und Installationen, Wien 2012, o.S. Anm. d.V.: Dieses Zitat bezieht sich auf Christa Biedermanns analoge Videoarbeiten, nicht auf ihre hier gezeigten digitalen Montagen.

LUCAS GEHRMANN
Kurator, Kunstpublizist und -vermittler, Buch-Redakteur und Lektor
Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen, Essays und Rezensionen zur zeitgenössischen Kunst
1995–2004 Verlags- und Programmleiter von Triton – Verlag für Kunst und Literatur, Wien
1997–2005 und 2011–2021 Kurator an der Kunsthalle Wien